Die Formulare sind abgeschickt, die Wohnung ist geregelt, die Anrufe werden weniger. Und dann sitzt man an einem Dienstagabend da und weiß nicht, was man mit sich anfangen soll.
Vierzig Jahre lang war sie seine Frau. Zwölf Jahre lang hat er seine Mutter gepflegt. Sie war die Tochter, die jeden Sonntag anrief. Das ist jetzt vorbei, und niemand fragt danach, weil es von außen aussieht, als sei das Schlimmste überstanden.
Diese Frage gehört zur Trauer dazu, auch wenn selten jemand darüber spricht.
Der Stillstand, der keiner ist
Viele beschreiben diese Zeit als Stillstand. Die Welt dreht sich weiter, es geht um Wäsche, Gehaltserhöhungen und das Wetter, und man selbst steht daneben und findet das alles bedeutungslos.
Dabei ist auch dieses Danebenstehen eine Bewegung. Jeder Tag verändert uns, ob wir wollen oder nicht. Nichts zu entscheiden ist ebenfalls eine Entscheidung, und wer sich zurückzieht, wird dadurch zu jemandem, der sich zurückzieht.
Das ist kein Vorwurf. Es ist eher eine Entlastung: Sie müssen nicht erst wieder anfangen, sich zu entwickeln. Sie tun es bereits.
Was sinnlos wirkt, und was bleibt
Nach einem Verlust erscheint vieles hohl, was vorher wichtig schien. Der Job, die Renovierung, der Verein. Das ist kein Fehler im System, sondern ziemlich klarsichtig. Manches davon war nie wirklich Ihres. Es waren die Erwartungen anderer oder Beschäftigung, die vom Nachdenken abgehalten hat.
Anderes ist noch da, nur verschüttet. Wer Freundschaft wichtig fand, findet sie meist immer noch wichtig, auch wenn jedes Telefonat anstrengt. Wer gern für andere gesorgt hat, hat das nicht verlernt, nur die Kraft fehlt gerade.
Der Unterschied zeigt sich oft erst nach Monaten. Was nicht wiederkommt, war vielleicht nie tragend. Was wiederkommt, obwohl es mühsam ist, gehört zu Ihnen.
Werte sind kein Ziel
Hier lohnt eine Unterscheidung, die aus der Psychotherapie kommt. Der amerikanische Psychologe Steven C. Hayes, Mitentwickler der Akzeptanz- und Commitment-Therapie, beschreibt Werte als das, was uns wirklich wichtig ist, und unterscheidet sie von Zielen.
Ein Ziel liegt in der Zukunft und ist irgendwann erreicht oder eben nicht: umziehen, abnehmen, den Abschluss machen. Ein Wert ist eine Richtung, und die gibt es nur in der Gegenwart. Großzügigkeit, Verlässlichkeit, Neugier, Fürsorge. Solche Dinge kann man nicht abhaken. Man kann sie nur heute leben oder eben nicht.
Für Trauernde ist das eine Erleichterung. Sie brauchen keinen Plan für die nächsten fünf Jahre, und Sie müssen nicht wissen, wer Sie am Ende sein werden. Ein Wert lässt sich heute Nachmittag leben, in sehr kleinem Maßstab:
- Wer Verbundenheit wichtig findet, schreibt der Schwägerin eine Nachricht. Zwei Sätze reichen.
- Wer Fürsorge wichtig findet, gießt die Pflanzen der Nachbarin, während sie im Urlaub ist.
- Wer Ordnung wichtig findet, räumt eine Schublade auf, nicht die ganze Wohnung.
- Wer Humor wichtig findet, erzählt beim Kaffee die Geschichte, über die alle lachen mussten.
Nichts davon macht die Trauer kleiner. Es macht nur den Tag zu etwas, das zu Ihnen gehört.
Die Falle des Wartens
Es gibt eine Überzeugung, die viele Menschen jahrelang festhält: Erst muss es mir wieder besser gehen, dann kann ich wieder etwas tun.
Hayes nennt das eine Falle. Wer darauf wartet, dass der Schmerz verschwindet, bevor das Leben weitergeht, wartet oft sehr lange. Die Erfahrung aus der Trauerbegleitung ist eher umgekehrt: Man handelt mit dem Schmerz, nicht nach ihm. Am Tag der Beerdigung haben Sie das schon getan. Bereit gefühlt hat sich das nicht, und Sie sind trotzdem gegangen. Mehr dazu steht in diesem Beitrag.
Wenn Sie nicht wissen, was Ihnen wichtig ist
Die Frage nach den eigenen Werten klingt einfach und ist es nicht, besonders wenn man erschöpft ist. Ein paar Umwege, die weiterhelfen:
- Was hat Sie in den letzten Wochen geärgert? Ärger zeigt oft, wo etwas verletzt wurde, das Ihnen wichtig ist. Wer sich über eine gedankenlose Bemerkung geärgert hat, hält womöglich viel von Rücksicht.
- Wofür haben Menschen sich früher an Sie gewandt? Das sagt mehr über Sie als jede Selbstbeschreibung.
- Was haben Sie an dem Verstorbenen geschätzt? Vieles davon sind Werte, die Sie teilen. Manche Familien führen so etwas weiter: das Sonntagsessen, die Spende an denselben Verein, die Art, wie er mit Fremden umging.
- Was würden Sie einem Fremden über die letzten Monate erzählen? Was Sie zuerst erwähnen, ist selten zufällig.
Wenn gar nichts kommt, ist das kein schlechtes Zeichen. Manchmal ist die Antwort einfach noch nicht dran.
Klein anfangen
Ein einziger Schritt reicht, und er darf unscheinbar sein. Der Chor am Donnerstag. Der Anruf, den Sie seit Wochen vor sich herschieben. Das Buch, das seit April auf dem Nachttisch liegt.
Diese Schritte ergeben mit der Zeit ein Bild davon, wer Sie geworden sind. Nicht weil Sie sich das vorgenommen hätten, sondern weil jeder Tag aus solchen Momenten besteht. Dass es dabei kein Vorwärts nach Plan gibt, sondern ein Hin und Her, steht in diesem Beitrag.
Vielleicht merken Sie es zum ersten Mal an einem Dienstagabend im nächsten Jahr. Sie sitzen da, und es fühlt sich nicht mehr leer an, sondern nur noch ruhig.




.webp)
