Es ist der 3. September 2022, ein Gedenkkonzert für Taylor Hawkins im Londoner Wembley-Stadion. Der Schlagzeuger der Foo Fighters ist im März gestorben, mit 50 Jahren. Sechs Stunden lang haben an diesem Abend viele bekannte Schlagzeuger der Rockmusik gespielt.
Beim vorletzten Lied kündigt Sänger Dave Grohl einen letzten Schlagzeuger an. Er gehöre zur Familie, sagt Grohl, und er müsse heute Abend hier sein. Auf den Leinwänden erscheint ein Foto von Vater und Sohn. Shane Hawkins setzt sich an das Schlagzeug, an dem sonst sein Vater saß. Den ganzen Tag hat er vom Bühnenrand aus zugesehen. Jetzt spielt die Band „My Hero“.
Shane spielt mit voller Wucht. Am Ende hängt er ein eigenes Solo an, und Grohl sieht ihm dabei zu. Zuschauer beschreiben vor allem Grohls Gesicht: Es strahlt.
Die meisten, die das Video heute sehen, kennen diese Menschen nicht. Den Auftritt können Sie hier ansehen: Shane Hawkins spielt „My Hero“ mit den Foo Fighters (Link zu YouTube).
Warum uns ein fremder Abschied zu Tränen rührt
Für dieses Gefühl hat die Emotionsforschung einen eigenen Namen. Der Anthropologe Alan Fiske und seine Kollegen nennen es Kama Muta, nach einem Ausdruck aus dem Sanskrit, der so viel heißt wie „von Liebe bewegt“. Im Deutschen kommen „Ergriffenheit“ oder „Rührung“ dem am nächsten.
Ein Forschungsteam um den Psychologen Janis Zickfeld hat dieses Gefühl 2019 in 19 Ländern mit mehr als 3.500 Teilnehmern untersucht. Es entsteht, wenn wir erleben oder beobachten, wie die Verbundenheit zwischen Menschen plötzlich stärker wird. Typisch sind Wärme in der Brust, feuchte Augen, Gänsehaut und ein Kloß im Hals.
Das zeigt der Moment in Wembley: einen Sohn, der dort sitzt, wo sein Vater saß, und eine Band, die ihn aufnimmt. Ergriffenheit ist kein trauriges Gefühl, auch wenn sie mit Tränen kommt. Die Forscher beschreiben sie als positive Emotion, die das Bedürfnis nach Nähe und Zusammenhalt stärkt.
Trauer und Freude am selben Abend
Der Abend war als Feier angelegt. Zur Eröffnung forderte Grohl die Zuschauer auf, zu singen, zu tanzen, zu lachen, zu weinen und zu schreien. Später liefen ihm bei „Times Like These“ die Tränen übers Gesicht. Bei Shanes Auftritt strahlte er.
Ein Widerspruch ist das nicht. Trauernde pendeln zwischen Schmerz und Momenten, die guttun. Beides kann am selben Abend vorkommen, manchmal im selben Lied. Mehr dazu steht in Phasen der Trauer: Was die Forschung heute sagt.
An diesem Abend trauerten auch nicht alle nur um Taylor Hawkins. Wolfgang Van Halen spielte Lieder seines verstorbenen Vaters Eddie Van Halen. Grohl saß bei Rush am Schlagzeug, am Platz von Neil Peart, der 2020 gestorben ist.
Die Verbindung, die bleibt
Lange galt in der Psychologie, dass Trauernde sich vom Verstorbenen lösen müssen, um weiterleben zu können. Seit den 1990er-Jahren hat sich das verschoben. Damals gaben Dennis Klass, Phyllis Silverman und Steven Nickman den Band „Continuing Bonds“ (1996) heraus. Seitdem untersucht die Forschung auch, wie Menschen eine Beziehung zu ihren Toten weiterführen und ob ihnen das hilft. Im Deutschen heißt das fortgesetzte Bindungen.
Wie das aussehen kann, zeigt Shanes Geschichte.
2018 holte Taylor Hawkins seinen damals elfjährigen Sohn bei einem Auftritt seiner Coverband Chevy Metal auf die Bühne und sagte, das werde eines Tages seine Band sein. Nach dem Tod des Vaters wollte Bassist Wiley Hodgden die Band eigentlich aufgeben. Dann kam Shane und sagte, er wolle weitermachen und selbst Schlagzeug spielen.
2024 erzählte Shane den Aspen Daily News, sein Vater habe ihm die Grundlagen beigebracht, danach habe er ihm jahrelang zugesehen. Technik sei nicht das Wichtigste, habe der Vater gesagt, man brauche etwas, das er „es“ nannte. Und er habe ihm gesagt, dass er es habe.
Im Mai 2025 saß Shane bei einem Schlagzeug-Workshop im englischen Newquay vor Publikum. Alle glaubten, sagte er, sein Vater habe „Aurora“ am liebsten live gespielt. Das stimme nicht. Es sei „Low“ gewesen, vom Album „One by One“. Dann spielte er es.
Wie das im eigenen Leben aussehen kann
Bei den meisten Menschen ist so eine Verbindung weniger sichtbar als ein Auftritt in Wembley. Oft ist sie ganz alltäglich:
- das Lied, das man im Auto lauter dreht, weil sie es mochte
- das Rezept, nach dem man weiterkocht, auf ihrem handgeschriebenen Zettel
- der Satz, den man den eigenen Kindern weitersagt
- der Garten, das Werkzeug oder die Angel, die man übernimmt
- die Geschichte, die man erzählt, damit andere diesen Menschen kennenlernen
Ob das guttut, ist allerdings nicht ausgemacht. Margaret Stroebe und Henk Schut haben 2005 die Studien dazu ausgewertet. Ihr Ergebnis: Weder das Festhalten noch das Loslassen hilft allen. Es kommt darauf an, wie und für wen. Eine Übersichtsarbeit von Helen Hewson und Kollegen aus dem Jahr 2023 mit 79 Studien kommt zu einem ähnlichen Bild. Die Verbindung zum Verstorbenen kann trösten und belasten, manchmal beides zugleich. Was das für einen einzelnen Menschen bedeutet, kann keine Studie sagen.
Niemand muss eine Band weiterführen, ein Rezept weiterkochen oder ein Lied weiterhören. Wenn das Lied im Radio wehtut, dürfen Sie umschalten. Wenn es Sie trägt, dürfen Sie es so oft hören, wie Sie möchten. Mehr dazu, was Sie von einem Verstorbenen weitertragen möchten, steht in Wer bin ich ohne ihn?
Manche halten solche Dinge auch fest: das Lieblingslied, die Geschichte, die alle kennen, den einen Satz. Auf einer Gedenkseite bei Lebensreise können Familie und Freunde das gemeinsam sammeln, auch Dinge, die nur einer von ihnen wusste.
Ein Foto auf der Leinwand
Auf den Leinwänden in Wembley war an diesem Abend ein Foto von Vater und Sohn zu sehen. Darunter saß der Sohn und spielte.




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