Phasen der Trauer: Was die Forschung heute sagt

Viele Trauernde suchen sich in den bekannten Phasenmodellen und finden sich dort nicht wieder. Das liegt nicht an ihnen, sondern an den Modellen. Was die Trauerforschung heute beschreibt, ist keine Treppe, sondern ein Hin und Her.
Ein Mensch geht auf einem gewundenen Pfad über eine Wiese an der Küste, im Hintergrund das Meer.
Foto:
Griffin Wooldridge / Pexels

Vier Wochen nach der Beerdigung sitzt jemand abends am Rechner und sucht nach den Phasen der Trauer. Fünf Stufen, sauber nummeriert: Leugnen, Zorn, Verhandeln, Depression, Akzeptanz. Er liest sie durch und findet sich nirgends. Gestern war er wütend, heute hat er bei einer Geschichte über seinen Vater herzlich gelacht, und vorgestern hat er drei Stunden Steuerunterlagen sortiert und dabei kaum an ihn gedacht.

Also stimmt etwas nicht mit ihm?

Nein. Es stimmt etwas nicht mit dem Modell.

Die bekannten Phasenmodelle

Fünf Phasen nach Elisabeth Kübler-Ross. Die Psychiaterin beschrieb 1969 in „On Death and Dying“, wie Menschen auf ihre eigene tödliche Diagnose reagieren: Leugnen, Zorn, Verhandeln, Depression und Akzeptanz. Ihre Phasen betrafen Sterbende, nicht Hinterbliebene.

Später wurde das Modell auf Trauernde übertragen, und daraus wurde die Vorstellung einer Abfolge, die man durchlaufen muss, an deren Ende die Akzeptanz steht. Dafür war es nie gedacht, und Kübler-Ross selbst hat sich gegen dieses starre Verständnis gewehrt.

Vier Phasen nach Verena Kast. Im deutschsprachigen Raum ist das Modell der Schweizer Psychologin bekannter. In ihrem Buch „Trauern“ von 1982 unterscheidet sie vier Phasen:

  • Nicht-wahrhaben-Wollen: Der Tod ist geschehen, aber er kommt noch nicht an. Viele fühlen sich wie betäubt.
  • Aufbrechende Emotionen: Schmerz, Wut, Angst, Schuldgefühle, manchmal auch Erleichterung.
  • Suchen und Sich-Trennen: Man sucht den Menschen in Erinnerungen, an Orten und in Gewohnheiten, spricht innerlich mit ihm und löst sich dabei Stück für Stück.
  • Neuer Selbst- und Weltbezug: Der Verlust gehört zum eigenen Leben, und es entstehen wieder eigene Pläne.

Auch Kast hat diese Phasen nie als Reihenfolge verstanden, die man abarbeitet.

Ob Trauernde solche Stufen tatsächlich nacheinander durchlaufen, wurde mehrfach untersucht. Die bekannteste Studie dazu, die Yale Bereavement Study (Maciejewski u. a., JAMA 2007), fand eine grobe zeitliche Tendenz, aber keine Stufen: Akzeptanz war von Anfang an die häufigste Reaktion, und Sehnsucht prägte die ersten Monate stärker als Unglaube oder Wut. Trauerforscherinnen wie Margaret Stroebe raten deshalb davon ab, Trauernde an Phasen zu messen.

Was stattdessen beschrieben wird

Zwei neuere Modelle haben sich durchgesetzt, und beide beschreiben Bewegung statt Fortschritt.

Das duale Prozessmodell von Margaret Stroebe und Henk Schut aus dem Jahr 1999 geht davon aus, dass Trauernde ständig zwischen zwei Seiten pendeln. Auf der einen Seite steht der Verlust selbst: weinen, erinnern, vermissen. Auf der anderen das Weiterleben: Rechnungen bezahlen, arbeiten, eine neue Rolle in der Familie finden.

Beides gehört dazu, und das Pendeln zwischen beidem ist kein Ausweichen, sondern genau das, was funktioniert. Wer sich nach dem Tod seiner Frau in die Gartenarbeit stürzt, verdrängt nicht unbedingt. Er macht eine Pause, die er braucht.

Die vier Bewegungen der amerikanischen Trauerforscherin C. D. Bagbey Darian gehen noch einen Schritt weiter. Sie hat 2014 die vorhandene Forschung ausgewertet und daraus vier Arten von Reaktionen abgeleitet, die bei den meisten Trauernden vorkommen, in ständig wechselnden Mischungen.

Die vier Bewegungen

Klagen. Alles, was den Schmerz ausdrückt: weinen, wütend werden, es immer wieder erzählen, nachts wach liegen. Diese Reaktionen gelten oft als die „negativen“, dabei sind sie die Arbeit, mit der wir begreifen, was passiert ist.

Aufrichten. Alles, was gut tut: lachen, wenn eine alte Geschichte erzählt wird, sich trösten lassen, Musik hören, essen gehen. Viele Trauernde haben dabei ein schlechtes Gewissen. Auch diese Momente gehören zur Trauer, nicht neben sie.

Einordnen. Begreifen, was sich verändert hat, und sich darauf einstellen. Der Stuhl bleibt leer. Die Steuererklärung macht jetzt jemand anderes. Man ist nicht mehr Ehefrau, sondern Witwe, auch wenn dieses Wort erst einmal fremd klingt.

Dosieren. Wegschieben, ausweichen, Pause machen. Den Anruf der Schwiegermutter wegdrücken, den Ordner mit den Papieren zuklappen, das Zimmer noch nicht betreten. Auch das ist Teil der Trauer und nicht ihr Gegenteil. Niemand kann alles auf einmal verarbeiten.

Wichtig an diesem Modell: Keine dieser Bewegungen ist besser als die anderen. Sie folgen nicht aufeinander und haben keine Reihenfolge. Und wie sie aussehen, ist bei jedem anders. Für den einen ist Klagen Weinen, für den anderen Kopfschmerz und Schweigen.

Die Frage, die weiterhilft

Wenn Trauer keine Stufen hat, ist die Frage „In welcher Phase bin ich?“ nicht zu beantworten. Bagbey Darian schlägt stattdessen eine andere vor:

Kommt bei mir eine dieser vier Bewegungen gar nicht vor?

Ein paar Beispiele, was das heißen kann:

  • Nur Klagen, kein Aufrichten. Wer seit Monaten nichts mehr tut, das gut tut, ist irgendwann erschöpft. Es hilft, etwas Kleines wieder einzuplanen: den Chor, den Spaziergang, das Essen mit der Freundin. Nicht um fröhlich zu sein, sondern um Kraft zu sammeln.
  • Nur Dosieren, kein Klagen. Wer immer nur funktioniert und nie weint, hält lange durch und bricht dann meist doch ein. Manchen hilft es, sich bewusst eine halbe Stunde zu nehmen, in der der Verlust Platz hat: Fotos anschauen, einen Brief schreiben, ans Grab gehen.
  • Nur Einordnen, kein Dosieren. Wer alles sofort regeln will, Wohnung, Papiere, Grabstein, überfordert sich. Der Kleiderschrank läuft nicht weg.
  • Nur Aufrichten, kein Einordnen. Wer den Alltag weiterlaufen lässt, als sei nichts geschehen, wird die Veränderung irgendwann trotzdem spüren, oft an einem unerwarteten Tag.

Die Frage ist nicht, ob Sie alles gleichzeitig tun. Sondern ob über Wochen eine ganze Seite fehlt.

Wenn Sie das nächste Mal an einem Abend lachen und sich danach schuldig fühlen: Das war das Aufrichten. Es gehört dazu, genau wie die Nacht davor.

Wie lange es dauert, bis das alles auch gefühlt ankommt, steht in diesem Beitrag. Und wann man bereit ist für den nächsten Schritt, ist eine eigene Frage, die hier beantwortet wird.

Wann es mehr braucht als ein Modell

Kein Modell beschreibt Ihren Fall. Sie sind nicht der Durchschnitt einer Studie.

Es gibt aber Anzeichen, bei denen Begleitung sinnvoll ist: wenn nach vielen Monaten keine Stunde ohne den Verlust vergeht, wenn Schlaf, Appetit oder Antrieb dauerhaft wegbleiben, wenn Sie nicht mehr unter Menschen gehen oder das Gefühl haben, Ihr eigenes Leben sei mit diesem Tod ebenfalls zu Ende. Ambulante Hospizdienste beraten Angehörige kostenfrei, in vielen Städten gibt es Trauergruppen, und die Hausarztpraxis ist eine gute erste Adresse.

Trauer, die lange dauert, ist keine Krankheit. Trauer, die einen von allem abschneidet, verdient Hilfe.

Seit 2022 führt die Weltgesundheitsorganisation in ihrer Klassifikation ICD-11 die „anhaltende Trauerstörung“. Gemeint ist nicht lange Trauer an sich, sondern Trauer, bei der Sehnsucht und Schmerz auch nach mindestens sechs Monaten so stark bleiben, dass der Alltag kaum gelingt.

Wenn Sie Gedanken haben, nicht mehr leben zu wollen, erreichen Sie die Telefonseelsorge Tag und Nacht kostenfrei unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222.

Häufige Fragen zu den Phasen der Trauer

Wie heißen die fünf Phasen der Trauer?

Nach Elisabeth Kübler-Ross: Leugnen, Zorn, Verhandeln, Depression und Akzeptanz. Sie hat diese Phasen für Sterbende beschrieben, nicht für Hinterbliebene. Eine feste Reihenfolge, die Trauernde durchlaufen, ist damit nicht gemeint.

Wie lange dauert Trauer?

Dafür gibt es keine Frist, auch nicht das oft genannte Trauerjahr. Bei vielen wird die Trauer im Lauf der Monate leiser und kommt an Geburtstagen, Jahrestagen oder Feiertagen wieder stärker zurück. Das ist kein Rückschritt.

Was ist Trauerarbeit?

Der Begriff stammt von Sigmund Freud, aus seinem Aufsatz „Trauer und Melancholie“ von 1917. Er meint die innere Arbeit, mit der ein Mensch begreift, dass jemand nicht mehr da ist. Heute beschreiben Fachleute das eher als Pendeln zwischen Verlust und Alltag, wie im dualen Prozessmodell.

Kann Trauer körperliche Beschwerden machen?

Ja. Häufig sind Schlafstörungen, Erschöpfung, wenig Appetit sowie Kopf- oder Magenschmerzen. Halten die Beschwerden an oder machen sie Ihnen Sorgen, ist die Hausarztpraxis die richtige Adresse.

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Lebensreise-Redaktion
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