Wenn das Gehirn noch nach jemandem sucht

Dass ein Mensch nicht zurückkommt, weiß man sofort. Es zu begreifen, dauert oft Monate, manchmal Jahre. Was dabei im Gehirn passiert, warum es uns lange nach dem Tod noch überrumpeln kann und was hilft, mit dem Verstorbenen verbunden zu bleiben.
Ein Paar abgetragene Hausschuhe steht auf alten Holzdielen vor einem gemusterten Teppich.
Foto:
Alexander Moltschanow / Pexels

Sie kommen vom Arzt, der Befund ist gut, und Sie haben das Handy schon in der Hand, um Ihrer Mutter davon zu erzählen. Mitten in der Bewegung halten Sie inne. Sie ist vor vier Monaten gestorben. Sie wissen das. Trotzdem hat Ihre Hand für einen Moment etwas anderes gewusst.

Solche Momente kennen viele Trauernde. In den ersten Wochen kommen sie oft, später seltener, manchmal noch nach Jahren. Sie sind kein Zeichen dafür, dass mit Ihnen etwas nicht stimmt.

Wissen und Begreifen sind zweierlei

Dass ein Mensch gestorben ist, gehört zu den wenigen Dingen in der Trauer, die eindeutig sind. Vieles andere bleibt offen: warum es passiert ist, ob man etwas hätte anders machen können, wie es weitergeht. Der Tod selbst ist eine klare Tatsache.

Und doch lässt sich gerade diese Tatsache kaum fassen. Der Verstand hat sie längst angenommen. Das Gefühl dafür, dass dieser Mensch nie wieder zur Tür hereinkommt, stellt sich viel langsamer ein.

Was im Gehirn passiert

Die Psychologin Mary-Frances O'Connor erforscht seit Jahrzehnten, wie Trauer im Gehirn wirkt. Sie ist Professorin an der University of Arizona und leitet dort ein Labor, das die Folgen von Trauer für Gehirn und Körper untersucht. In ihrem Buch „The Grieving Brain“ von 2022 beschreibt sie, warum das Begreifen so lange dauert.

Unser Gehirn legt, vereinfacht gesagt, eine Art innere Landkarte an. Darauf ist verzeichnet, wo die Menschen sind, die zu unserem Leben gehören: die Mutter am Telefon, der Partner am Frühstückstisch, der Freund am Donnerstagabend in der Kneipe. Stirbt einer von ihnen, bleibt die Landkarte zunächst, wie sie war. Das Gehirn erwartet ihn weiter an den gewohnten Orten.

Diese Karte neu zu zeichnen, braucht Wochen und Monate. Jede neue Erfahrung ohne den Verstorbenen trägt dazu bei. Bis dahin ist der Mensch für das Gehirn zugleich fort und noch da. O'Connor beschreibt das als ein Leben in zwei Welten gleichzeitig.

Was fehlt, ist die Nähe

Selbst wenn das Begreifen gelungen ist, bleibt oft eine Sehnsucht, die sich nicht wegdenken lässt. Sie gilt weniger der Erinnerung als dem Körper: der Stimme, dem Geruch, der Hand auf der Schulter.

Viele bewahren deshalb, was noch von dieser Nähe erzählt. Die Ansage auf der Mailbox, die man ab und zu anhört. Die Nummer im Handy, die man nicht löschen mag. Der zweite Becher, den man aus Gewohnheit aus dem Schrank nimmt und wieder zurückstellt. Wann man so weit ist, solche Dinge loszulassen, ist eine eigene Frage. Darum geht es in unserem Beitrag Wann bin ich bereit?

Eine Geschichte ohne Schluss

Besonders schwer ist es, wenn der Tod plötzlich kam. Dann fehlt mit dem Menschen auch ein Ende: kein Abschied, kein letztes Gespräch. Die Geschichte bricht ab, und zurück bleiben Fragen. Was ist passiert? Was hat dieses Leben bedeutet? Was wäre noch gekommen?

Ein Leben kann sich in einem einzigen Augenblick ändern, mitten im Alltag, beim Abendessen oder auf dem Weg zur Arbeit. Das Begreifen hält mit diesem Augenblick nicht Schritt. Manche Angehörige bringen es monatelang nicht über sich, die Schuhe des Verstorbenen wegzugeben. Der Verstand weiß, dass er nicht zurückkommt. Ein Teil von ihnen rechnet trotzdem noch damit.

Verbunden bleiben

Die Schweizer Psychologin Verena Kast hat schon Anfang der Achtzigerjahre beschrieben, dass Trauernde den Verstorbenen suchen: an vertrauten Orten, in Träumen, in inneren Gesprächen. In ihrem bekannten Modell der Trauerphasen heißt ein Abschnitt „Suchen und Sich-Trennen“. Die Phasen sind dabei nicht als starre Reihenfolge gemeint. Kast beschreibt, wie aus dem Suchen nach und nach eine innere Beziehung wird, die bleibt. Die meisten Trauernden finden mit der Zeit zu einer solchen Verbindung.

Diese Verbindung tröstet. Sie reicht aber nicht immer. Es gibt Tage, an denen man mehr will als eine Erinnerung: einen Traum, in dem der Mensch noch einmal spricht, ein Zeichen, irgendetwas. Diese Sehnsucht ist normal, auch wenn der Traum ausbleibt.

Vielen hilft es, der Verbindung eine Form zu geben. Geschichten über den Verstorbenen erzählen, auch den Enkeln, die ihn nicht mehr kennengelernt haben. Einen Brief schreiben, den niemand abschicken muss. An seinem Geburtstag sein Lieblingsessen kochen. Manche sammeln Fotos und Geschichten an einem festen Ort, etwa auf einer Gedenkseite, damit sie nicht verstreut sind.

Irgendwann greift die Hand nicht mehr ganz so schnell zum Telefon. Die Nummer bleibt trotzdem gespeichert.

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Lebensreise-Redaktion
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