Es ist kurz nach Mitternacht, und eine Tochter tippt eine Frage in ihr Handy. Geantwortet hat ihr ein Programm, das mit den WhatsApp-Nachrichten ihrer Mutter trainiert wurde. Die Antwort klingt nach ihr: dieselben Wendungen, dieselben Abkürzungen, sogar das Emoji am Ende stimmt.
Solche Programme gibt es seit einigen Jahren. Die Frage ist nicht mehr, ob das technisch geht. Die Frage ist, was es mit Trauernden macht.
Was es heute schon gibt
Die einfachste Form ist ein Chatbot, den Angehörige selbst mit Nachrichten und Briefen füttern. Dafür reicht ein gängiges KI-Programm.
Daneben sind Unternehmen entstanden, die das als Dienstleistung anbieten. Menschen nehmen zu Lebzeiten ihre Lebensgeschichte auf, Angehörige können dem so entstandenen Avatar später Fragen stellen. In China wurden Avatare von Verstorbenen bei Trauerfeiern auf große Bildschirme projiziert. Die Preise reichen von wenigen Dollar im Monat für einfache Textbots bis zu mehreren hundert oder tausend Euro für Stimmklone und Video-Avatare.
Fachleute sprechen von Griefbots oder Deadbots.
Warum das viele anzieht
Trauernde sprechen seit jeher mit Verstorbenen. Am Grab, im Auto, abends vor dem Einschlafen. Viele fragen sich, was der Vater wohl gesagt hätte, und beantworten sich die Frage selbst. Ein Chatbot ist insofern die technische Fortsetzung von etwas sehr Altem.
Neu ist nur, dass die Antwort zurückkommt, ohne dass man sie sich selbst geben muss.
Was die Forschung sagt, und was nicht
Belastbare Studien gibt es bislang kaum. Einzelne Untersuchungen und Erfahrungsberichte zeigen gemischte Ergebnisse: Manche empfinden kurzfristig Trost, andere berichten von Verwirrung oder dem Gefühl, manipuliert zu werden.
Ethikforscher der Universität Cambridge haben 2024 vor psychischen Folgen gewarnt. Ihre Sorge: Menschen könnten starke Bindungen an die Simulation entwickeln und dadurch angreifbar werden. Die Forscher beschreiben Szenarien, in denen ein Anbieter nach Ablauf einer Testphase Werbung über den Bot ausspielt, in der Stimme der Verstorbenen. Sie fordern Altersgrenzen, klare Hinweise auf die künstliche Herkunft und vor allem eine Möglichkeit, den Bot würdevoll abzuschalten.
Die Kommunikationswissenschaftlerin Katrin Döveling, die zu Emotionen in digitalen Medien forscht, sagt, KI könne eine Ergänzung in der Trauerarbeit sein, dürfe aber nie an die Stelle der Wirklichkeit treten. Sie rät, sich beim Ausprobieren bewusst zu machen, dass es Technik ist, ähnlich wie man beim Film weiß, dass es ein Film ist, und dabei nicht allein zu sein.
Ein häufiges Gegenargument lautet, ein Chatbot verhindere die Akzeptanz, die letzte Phase im Modell von Elisabeth Kübler-Ross. Das Modell beschreibt allerdings ursprünglich das Erleben Sterbender, nicht das von Trauernden, und gilt in der Trauerforschung heute als überholt. Als Beweis taugt es nicht.
Wo es rechtlich heikel wird
Vier Punkte, die vor der Entscheidung wichtig sind:
- Wer hat zugestimmt? Für Gesicht und Bild gilt das Recht am eigenen Bild über den Tod hinaus. Nach § 22 Kunsturhebergesetz ist bis zehn Jahre nach dem Tod die Einwilligung der Angehörigen nötig. Für die Stimme gilt der postmortale Schutz der Persönlichkeit ebenfalls.
- Wem gehören die Nachrichten? Briefe, Chats und Sprachnachrichten sind Teil des Nachlasses. Der Bundesgerichtshof hat 2018 entschieden, dass auch digitale Konten vererbt werden (Az. III ZR 183/17). Wer die Nachrichten eines Verstorbenen in ein Programm einspeist, sollte das mit den übrigen Erben abstimmen.
- Wohin gehen die Daten? Bei den meisten Anbietern landen sehr persönliche Aufnahmen auf fremden Servern, oft außerhalb Europas.
- Was, wenn der Anbieter aufgibt? Ein Unternehmen kann den Dienst einstellen, verkauft werden oder die Preise ändern. Dann endet die Stimme der Mutter, weil ein Vertrag ausläuft.
Ein eigenes Gesetz dazu gibt es bislang nicht.
Was heute schon unstrittig hilft
Abseits der Nachbildung von Menschen ist KI in der Trauer längst ein nützliches Werkzeug: Alte Fotos lassen sich schärfen und entrauschen, verrauschte Tonaufnahmen verständlicher machen, handschriftliche Briefe in Text umwandeln.
Auch beim Schreiben hilft sie. Einen Nachruf zu formulieren fällt vielen schwer, gerade in den ersten Tagen. Bei Lebensreise gibt es dafür einen KI-Schreibassistenten, der Vorschläge macht. Entscheidend ist dabei die Richtung: Das Werkzeug hilft beim Formulieren, die Erinnerungen und die letzte Fassung kommen von Ihnen.
Eine Nachbildung von Verstorbenen bieten wir bewusst nicht an. Gedenkseiten bei Lebensreise bewahren, was ein Mensch hinterlassen hat. Sie sprechen nicht an seiner Stelle.
Was Sie für sich festlegen können
Eine Frage, die heute noch kaum jemand stellt, in zehn Jahren aber Standard sein dürfte: Sollen Ihre Stimme, Ihr Gesicht und Ihre Nachrichten nach Ihrem Tod für so etwas verwendet werden dürfen?
Sie können das festhalten, in einem Satz, zusammen mit Ihren Wünschen zur Bestattung. Erlaubt oder nicht erlaubt, beides ist möglich. Wichtig ist, dass Ihre Familie es weiß. Wie Sie das Gespräch beginnen, steht in diesem Beitrag.
Es gibt kein richtiges Trauern
Wer mit einem Chatbot spricht, macht nichts falsch. Wer den Gedanken unerträglich findet, ebenso wenig. Das Gehirn braucht ohnehin lange, bis es begreift, dass ein Mensch nicht zurückkommt, hier beschrieben.
Vielleicht hilft ein einfacher Prüfstein. Wenn die Tochter nach Mitternacht das Handy weglegt und am nächsten Morgen ihre Schwester anruft, ist alles gut. Wenn sie stattdessen jeden Abend länger tippt und niemanden mehr anruft, ist es Zeit, mit einem Menschen zu sprechen.




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